Seelenwanderer

Titel: Seelenwanderer.

Thema: KZ Neuengamme.

Gewidmet:

  • Feodora Kissing, Malente / Krummsee (+17.05.1943 Auschwitz).
  • Franz Herrman, Malente (+25.08.1942 Theresienstadt).
  • Richard Löwenberg, Malente (+23.07.1942 Theresienstadt).
  • Fritz Schocken, Malente (+23. Juli 1942 Theresienstadt).
  • Günter Metz, Malente (exekutiert).
  • Paul Kock, Malente (Neuengamme?).
  • Pagel, Malente (euthanasiert in Lübeck oder Neustadt / zwei Mal gestorben).
  • Carl Möller, Malente, Sozialist (Neuengamme?).
  • André Benoit, Belgien (Arbeitslager Büdelsdorf, Ahlmann Carlshütte).

Respekt für:

  • W. J. Alosery, Niederlande (überlebte das KZ Neuengamme und den Untergang der Cap Arcona).

Mit Dank an:

  • Dr. Bettina Goldberg, Flensburg; Heidemarie Kugler-Weiemann, Lübeck.
  • Originalgröße: 45/85 cm.
  • Technik: Ätztinte auf Aquarellpapier, gedruckt mit Erde (Vor Ort beim ehemaligen Verbrennungsofen des KZ Neuengamme ausgegraben), Gras und Klatschmohn.
  • Entstanden: 2013.

Inspiration: Auszug aus meinem Tagebuch zur Norwegenreise 2009.

Als ich in Ekne ankam war es zehn nach vier. Was ein Pech, ab sechszehn Uhr ist das Museum geschlossen und die Ausstellung über das ehemalige SS-Gefangenenlager wird erst morgen um zwölf wieder geöffnet. Hab die Museumsleiterin noch beschnackt aber sie hat Mann und Kinder und macht hier alles alleine, schade, vielleicht komme ich morgen zurück.

Ein Schwede mit 2 Kindern tauchte ebenfalls zu spät auf und so kommen wir ins Gespräch. Er hat als Junge noch die Kugeln der Exekutionskommandos in den Bäumen stecken sehen und will den Platz seinen Kindern zeigen, 1 km von hier entfernt. Ich mache Fotos von dem KZ und fahre dann zu dem Waldstück wo ich ihn wieder treffe. Erschütternd, 4500 Internierte vor allem Russen, aber auch Norweger, Jugoslaven, 13 Nationen. Gerührt beäuge ich die markierten Exekutionsstellen. Auch jetzt kommen mir noch die Tränen obwohl ich mit dem ganzen Kram nichts zu tun habe. “Hier müßte der Baum mit den Kugeln stehen, aber ich erkenne ihn nicht mehr. Die Natur hat die Wunden ausgelöscht”, sagt er. Wir sprechen darüber, daß dies sich nicht wiederholen wird, nicht wiederholen darf und ich gebe an, daß ich darüber nicht so sicher bin. „In jedem Menschen wohnt ein kleiner Hitler“ schießt durch mein Gehirn. Nein, das Wissen über die Vergangenheit und die Argumente der Vernunft werden gehört werden.

Ich begreife plötzlich  warum mir in meiner Jugend das Bild vermittelt wurde daß die Konzentrationslager weit weg von uns in Bayern und in Polen lagen. KZs in Fußmarschabstand soals in Neukirchen und Eutin waren zu konfrontierend, man mußte schon viel zu viel Erlebtes mit sich herumschleppen.

Zwei Tage später stehe ich vor dem Blutvei Museum in Rognan. Es dauerte etwas bis die Museumsführerin, ein kleines junges Mädchen, zur Museumsbaracke kam und mich einließ. Rechnen konnte sie nicht und mit Kilometern und Meilen kam sie ins schleudern. Aber das macht nichts, denn sie gab sich sehr viel Mühe mir alles über die Schrecken und Geschehnisse dieses SS-Gefangencamps zu erzählen, das tat sie sehr lieb und einfühlsam, so sehr, daß ich Mühe hatte meine Gefühle zu verbergen. Die Gefangenen, vor allem Russen und Jugoslaven mußten die Eisenbahnstrecke von hier nach Narvik bauen, der größte Teil ist dabei umgekommen. Das lag vor allem an der barbarischen Behandlung durch die SS-Soldaten und den noch schlimmeren norwegischen Helfern, an zu wenig Essen, zu dünner Kleidung und ungedämmten Nissenhütten, Zwölf Stunden schuften und natürlich der harten Knochenarbeit. Gefangene, die unter dem Befehl der Wehrmacht standen hatten es etwas besser, aber nur etwas.

Danach fuhr ich weiter nach Botn zur jugoslavischen und deutschen Kriegsgräberstätte. Ein schöner Ehrenfriedhof, sowohl für die jugoslavischen Gefangenen als auch für die über 2.000 deutsche Gefallenen. Ein bischen geknickt und in Gedanken versunken machte ich mich langsam auf den Weg nach Innhavet/Hamarøy, nur 150 km von hier entfernt. Ein Erinnerungsblitz durchfährt mich. Auf diesem Sammelfriedhof sind doch die Toten der Tirpitz umgebettet worden. Ich habe vergessen nach ihnen zu suchen auch Rolf Binder der auf Mestersand erfroren ist müßte hier liegen. Auf die Gräber wollte ich doch Blumen legen. Ich war so mit der Verarbeitung der Erzählung des Mädchens beschäftigt daß ich nicht mehr an meine sorgfältige Planung gedacht habe. Das werde ich nachholen, bei meiner folgenden Norwegenreise.

Zufälligerweise hatte ich eine CD von Lale Andersen noch im CD-Spieler und ich hörte die alten deutschen Schlager aus dem 3.Reich und vor allem 2 Platdeutsche Heimat-Lieblingslieder. Ob das passend ist war mir egal, es paßte in jedem Fall zu meiner melankolischen Stimmung. Ich fahre langsam entlang des Blutweges, und durch die Tunnel welche die Gefangenen ursprünglich für die Eisenbahn angelegt hatten. Der Weg und die Gegend war genauso spektakulär wie gestern, eigentlich noch besser, auch wenn das kaum noch möglich ist. In kurzen Abständen folgt Tunnel auf Tunnel, die Steigungen auch im Tunnel waren noch steiler, so steil, daß ich in den 3. Gang runterschalten mußte. Einfach toll.

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